Auf die Gefahr hin, daß das hier ganz schnell in einem üblen Flame-War enden kann…
Ich möchte vorausschicken, daß das meine ganz private Meinung ist; SUSE als Firma mag das anders sehen (dann mögen sie das aber bitte von offizieller Stelle selber verteidigen).
Ich bin einer der YaST2-Entwickler der ersten Stunde, dabei seit 10/1999 (mit 6 Jahren Unterbrechung 2009 - 2015), um den alten rein Text- (NCurses-) basieren alten YaST durch eine GUI-basierte Version abzulösen, damals mit Qt 2.x, das zu dieser Zeit topaktuell war.
YaST2 war genau wie der alte YaST1 nicht nur der OS-Installer, um überhaupt erst einmal Linux auf den PC zu bekommen. Da war auch eine ganze Portion Systemverwaltung dabei, weil das damals eben alles ein verdammt schwieriges Gefrickel war; angefangen von der X11-Konfiguration (vorher mußte man Mode-Lines mit Bildwiederholfrequenz und Strahlrücklauftiming ausrechnen und wissen, wieviele KHz der damalige Röhrenmonitor vertrug), über Modem-Konfiguration oder, wer den Luxus hatte, ISDN-Konfiguration, Netzwerk-Basisdienste konfigurieren (YP/NIS und sowas). DHCP oder gar einen DSL-Router mit all sowas direkt drin gab es noch nicht. Drucker einrichten war jedesmal ein echtes Abenteuer, Soundkarte genauso. Wer eine Matrox-Grafikkarte hatte, mußte sich einen extra Treiber kaufen (!), ähnlich für manche Sorten Soundkarte.
Ohne etwas wie YaST war das eine echte Qual; vor allem, wenn man ganz neu bei Linux war: Die Grundinstallation war schon die erste große Hürde für Neueinsteiger.
So wahnsinnig viel mehr konnten sowohl YaST1 als auch YaST2 damals noch nicht; ja, ein bißchen Paketauswahl, aber weitaus nicht so luxuriös wie heute. So etwas wie Zypper kam erst viel später, so um 2005 herum (soweit ich mich erinnern kann).
Im Lauf der Jahre bekam YaST2 immer mehr Module für alle möglichen (teilweise auch reichlich abstrusen) Aufgaben, und Teile davon wurden immer und immer wieder neu geschrieben. Das einzig Beständige war der Wandel. Wir reden heute von 25 Jahren YaST2! Die Größe des YaST-Teams wuchs und schrumpfte immer wieder, aber im Schnitt waren bestimmt gut 10 Leute ständig dabei. Da reden wir von gut 250 Mannjahren (!) Entwicklungszeit im Lauf dieser 25 Jahre.
Natürlich hat sich dabei so mancher Schlonz angesammelt; Leute verlassen das Team, neue kommen dazu, das Wissen um bestimmte Teile geht verloren, und dann wird eben schön außenherum programmiert und der alte Teil “abgekapselt”, wie das ein Organismus auch machen würde. Bit-Rot (Bit-Vergammelung) setzt unweigerlich ein; das muß immer wieder beseitigt werden, eine Sisyphus-Aufgabe wie Unkraut im Garten jäten.
Und irgenwann ist es eben zuviel Bit-Rot; die Altlasten nehmen Überhand. Man kann auch nichts - GAR NICHTS - jemals rausschmeißen, weil immer dann, wenn man das versucht, irgendwelche Leute lautstark aufpoppen, die auch den abstrusesten Krampf unbedingt behalten wollen (aber natürlich dafür weder eigene Arbeit noch Geld investieren wollen).
Und dann haben wir heute eben die Situation, daß weite Teile der ursprünglichen Kernaufgaben von YaST2 andere Tools übernommen haben: Die Desktops kümmern sich um Drucker viel besser, als YaST2 das je konnte. X11 konfiguriert sich schon seit Ewigkeiten selbst, Wayland genauso. Netzwerk geht mit NetworkManager ganz einfach. Sound konfiguriert sich von selber. Und so weiter; ihr erkennt das Muster.
So wahnsinnig viel bleibt da nicht, wofür man YaST noch braucht. Für manche komplexeren Systemdienste war zwar ein YaST-Modul vorhanden, aber da gab es oft genug einen nicht abreißen wollenden Strom von Beschwerden, daß dieses Modul doch dies oder das nicht könne, und wann man denn gedenke, das eben auch endlich reinzubauen, damit bloß niemand auch mal eine Konfigurationsdatei oder Kommandozeile anfassen muß. Das ist dann der Punkt, wo sich irgendwann auch der gutmütigste Entwickler fragt, ob man diese Leute überhaupt jemals zufriedenstellen kann, und warum man sich das überhaupt antut; also lieber weg mit diesem ganzen Modul, wenn eh nur ständig daran herumgemotzt wird.
Andere Module hat irgendwer von außerhalb des YaST-Teams geschrieben (weil das eine ganze Weile für alle möglichen Leute cool war, sowas auch mal zu machen), und das YaST-Team mußte dann die Wartung übernehmen; Danke auch, krautiger Code, null Doku, übersät mit Anfängerfehlern (weil es ja typischerweise ein Erstlingswerk war), eigentlich keine Produktionsqualität. Aber “nun ist es halt mal da, und es geht doch” und ähnlicher Schwachfug.
Solcher Schlonz hat sich eben angesammelt, und man wird es nur mit einer nuklearen Lösung jemals los. Wie schon erwähnt: Das Gejammer ist groß, wenn es ums Ausmisten geht; da wird auf einmal die eigene Liebe zum verrotteten Bit-Müll entdeckt.
Und nun ist es eben soweit: Mit YaST geht es zu Ende. Friede seiner Asche. Okay, ganz so weit ist es noch nicht, er ist ja noch da - aber wenn es bröckelt, kann es ganz schnell gehen.
Es gibt jetzt von SUSE Agama für die Installation. Punkt. Das isses. Sonst nix weiter.
Es gibt auch Cockpit, ein von SUSE völlig unabhängiges Open Source -Projekt, für die Systemverwaltung. Es arbeiten einige Leute von SUSE daran, fehlende Teile zu ergänzen, aber es wird ein unabhängiges Projekt bleiben; insbesondere werden nicht mehr wir vom YaST-Team für alle Probleme der Welt geradestehen, und wenn sie noch so abstrus sind.
Es gibt auch Myrlyn, ein weiteres unabhängiges Open Source -Projekt, das ich mehr oder weniger alleine privat in der letzten SUSE-Hack-Week angestoßen und seitdem durchgezogen habe, um wenigstens eine vernünftige Software-Paketauswahl zu erhalten. Wer lieber KDE Discover verwendet oder das Gegenstück dazu von GNOME, oder lieber ausschließlich die zypper-Kommandozeile, bittesehr.
Myrlyn ist aus dem YQPackageSelector-Widget (libyui-qt-pkg) entstanden (auch von mir), einem High-Level-Widget unserer YaST2-UI-Bibliothek, das die komplette Paketauswahl selbständig und transparent erledigt; den Teil mit Repos laden (einschließlich zypper refresh) und die eigentliche Pakettransaktion (Pakete deinstallieren oder aus dem Netz laden und installieren) und das ganze Repo-Management (dazufügen, editieren, entfernen) habe ich per Hand in C++ / Qt dazuprogrammiert. Und einige Dutzend große und kleine Bugs in der Paketauswahl habe ich dazu noch gefixt, und auch ein grafisches zypper dup und zypper up; und das alles seit Mitte November, zum allergrößten Teil in meiner Freizeit; für die Benutzer, aber genauso auch für mich, weil ich sowas eben auch wieder haben wollte.
Die Welt wird ohne YaST nicht stehenbleiben.
Ich wage vorauszusagen, daß die meisten Benutzer nicht einmal bemerken werden, daß kein YaST mehr da ist, weil sie die meisten YaST-Module sowieso niemals verwendet haben.
Wieviel Kommandozeile wird der durchschnittliche Benutzer jetzt wirklich brauchen? Den einen oder anderen systemd-Dienst ein- oder abschalten wahrscheinlich; einen Port in der Firewall öffnen oder schließen. Vielleicht mal einen Boot-Paramter ändern (hoffentlich gibt es dafür dann etwas in Cockpit; es ist eine Weile her, daß ich das das letztemal angesehen habe). Für Btrfs-Snapshots gibt es ein paar Open Source -Projekte auf Qt-Basis, genauso für systemd-Dienste.
Die Systemverwaltung wird in der SUSE-Welt nicht mehr so homogen sein wie früher mit dem YaST-Kontrollzentrum als Dreh- und Ankerpunkt; das ist sicherlich schade.
Auf der anderen Seite gibt es dann auch viel weniger Konfusion, ob man sein Netzwerk nun besser mit dem YaST-Modul oder mit NetworkManager konfiguriert, oder den Drucker mit dem YaST-Druckermodul (das übrigens selbst dessen Autor und Maintainer schon vor Jahren loswerden wollte) oder mit der Druckerverwaltung von KDE Plasma oder GNOME.
Wir werden uns alle in einigen Bereichen umstellen müssen, aber die Welt wird sich weiterdrehen.